Erinnerungen an die Tagung didacta DIGITAL austria, 2019

Vor gleich einmal zwei Jahren fand diese Tagung unter programmatischer wie organisatorischer Mitwirkung des österreichischen Bildungsministeriums im Mai 2019 in Linz statt. Da die aktuelle Diskussion zur Digitalisierung im Bildungsbereich anhielt und durch die gegenwärtigen organisatorischen Herausforderungen in der pädagogischen Kommunikation Aufwind erhält, greife ich die Thematik nochmals auf.

 

Die medientheoretisch Keynote von Wassilios E. Fthenakis

Fthenakis‘ Ansatz wirkt radikal: Digitalisierung in der Pädagogik verlange nach einer neuen Konstruktion. Man müsse das System auf den Kopf stellen. Bisherige didaktische Grundlagen erwiesen sich als völlig ungeeignet. Es brauche neue Lernräume, „der Klassenraum ist Geschichte“.

Es gelte, digitale Kompetenz als transversale Kompetenz zu integrieren. Fthenakis wörtlich: „Die Sinne reichen nicht mehr aus. Es kommt augmented reality dazu.“ Dazu bedürfe es der Einrichtung der nötigen Infrastruktur und einer umfassenden Professionalisierung der Fachkräfte.

Aufhorchen lässt Fthenakis durch die Hervorhebung der Bedeutung des „Bildungsortes Familie“. Dass diese Lerndomäne einer grundsätzlichen Thematisierung und Erforschung bedarf, bezweifelt, mehr als ein Jahr später, angesichts unerwarteter Herausforderungen und Überforderungen des Lernorts Familie durch ‚Corona‘ wohl niemand mehr.

Dass sich Fthenakis selbst in seiner Präsentation des überkommenen Formats eines frontalen, verbalen Vortrags bedient, wirkt letztlich recht unstimmig.

 

Das Praxisprojekt BeeBot von Alois Bachinger

An der Tagung fielen einige praxisorientierte Beiträge auf, die sich konkret mit individuellen Lernprozessen auseinandersetzen. Exemplarisch nenne ich das Projekt BeeBot des oberösterreichischen Didaktikers Alois Bachinger, das mittlerweile einen beträchtlichen Umfang angenommen hat.

Bachinger entwickelte mit einem Team ein Lernobjekt für den Einsatz im Grundschulbereich, das auf den ersten Blick wie ein niedliches Spielzeug wirkt. Das (oder die) BeeBot ist eine knallfarbige Spielzeugbiene, die durch digitale Steuerung durch die Lernenden selbst richtig laufen lernen soll, um an das gesetzte Ziel zu kommen. Playground ist ein einfaches, urbanes Straßennetz, wie man es aus dem Sachunterricht und mitunter aus dem Fahrschulunterricht kennt. Darauf soll die Biene ihren Weg finden. Das explizite Wissen um die Steuerungsbefehle und deren Beauftragung sei der zentrale Lerninhalt, betonen die Autoren.

Meine Wahrnehmung von den, am Messestand mit großer Empathie agierenden Kindern geht jedoch weit über diesen Ansatz hinaus. Damit kritisiere ich nicht, dass Aspekte fehlten, sondern lediglich, dass sie im Lernzugang nicht als ebenso wesentlich formuliert wurden: die primär auf eigene Bewegungserfahrung rückgreifende Raumvorstellung, aus der sich die Bewegungsimpulse ableiten sollen. Schon die Beantwortung, welche Bewegungsrichtung, vorwärts, rückwärts, links oder rechts den Bewegungsimpuls prägen soll, verlangt nach einer immersiven Reflexion des eigenen Lagesinns. Nur, was an subjektiver, leiblicher Erfahrung reflektiert wird, situativ imaginiert wird, führt, gleichsam in einer phänomenologischen Reduktion, zum Entschluss, welcher Impuls zu setzen sei, außer die Übenden spielen mit dem Zufall. Doch beim ersten Irrtum setzt der Wahrnehmungsprozess von neuem ein.

Ich beobachtete, dass die Spielleiter in ihren verbalen Interventionen sagten, „du musst erst denken, welchen Weg die Biene gehen soll“ oder „überlege, welcher der einfachste, der kürzeste Weg ist“ oder „finde heraus, wie viele Schritte es bis zur nächsten Abzweigung sind“. Damit unterstelle ich den Spielleitern, dass sie offensichtlich unbewusst eine ganze Menge eigenen impliziten Wissens in den Spielverlauf einwarfen. Die Pädagogik nennt diesen, oft unreflektierten Input von Lebens- und Handlungswissens der Lehrenden im pädagogischen Alltag den „heimlichen Lehrplan“.  Meine zweite Unterstellung ist, dieses Phänomen verschleiert, dass technische Spielanleitungen die Bedeutsamkeit leibliche Erfahrung und Vorstellung ignorieren.

Das erwähnte polyaisthesis-Symposium virtu.real legte allein durch den Titel den Finger auf diese Wunde. Polyästhetik integriert mehrsinniges Wahrnehmen, leibliche Erfahrung, Reflexion und Erkenntnis zu einem Ganzen. Aus jedem bewusst werdenden Handlungsdetail generiert sich dieses Ganze von neuem.

Ich verwende dieses Beispiel, um darzustellen, dass und wie der gesamte naturwissenschaftliche Bildungsbereich (oft als MINT-Fächer bezeichnet) und der gesamte ästhetische Bildungsbereich pädagogisch kooperieren können, zu Bildungspartnern werden. Auf diese Weise gewonnene Lernerfahrung hat die Qualität, als Erfahrungsbasis den, aus ethischer Perspektive gestellten Lernzielen verfügbar zu werden: Lernen, mit technischen Innovationen Sinn generierend und zugleich verantwortungsvoll umzugehen sowie sie, ihrer Lebensbedeutsamkeit entsprechend zu integrieren.

 

Fazit und Ausblick

Die Einführung digitaler Technologien in die Erziehungsstrukturen und in deren Institutionen war die primäre „message“ der Tagung „didacta DIGITAL austria“. Eine anthropologisch fundierte und konkret pädagogische Perspektive bot sie nicht.

Für Polyästhetik bedeutete es niemals ein Problem, neue mediale Wege der ästhetischen Erfahrung und des Ausdrucks zu integrieren. Jedoch rückte sie stets den Menschen als handelndes Subjekt in das Zentrum aller Überlegungen und Ereignisse. Das polyaisthesis-Symposium 2017 virtu.real thematisierte diese Zugänge auf vielfältige und eindrückliche Weise. (Siehe unsere Nachlese auf www.paeb.org)

Seit der Tagung im Mai 2019 schreitet die Entwicklung der Digitalisierung nicht nur generell, sondern auch aus pädagogischer Perspektive voran. Im Mai 2020 hielt die Initiative Hochschulforum Digitalisierung die „Network Learning Online Conference“ ab.

Sie befasste sich mit kritischen Perspektiven, Theorie, pädagogischen Werten, Analyse, praxisbezogener Forschung und Lerngestaltung. Dabei fokussierte sie dialogisches, kollaboratives und kooperatives Lernen und Lernen in sozialen Netzwerken.

https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/termine/networked_learning_conference (zuletzt aufgerufen am 2.5.2021)

Mehrere Beiträge thematisierten Fragen des Lerndesigns oder der Visualisierung. Beiträge über ästhetisches Lernen – wie der Begriff der Ästhetik – fehlen allerdings im Programm dieser Konferenz.

An unserem IGPE-Symposium 2020 führten wir diese Thematik aus mediendidaktischer Perspektive weiter. Dr. Anna Zembala, Professorin an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Köln, rollte das Thema „In den Künsten zeigen, wie Natur berührt“ aus medientheoretischer Perspektive auf; wie wir mittlerweile in unserem Rückblick auf das Symposium in Hohnhurst auf www.paeb.org berichten.

Gerhard Hofbauer